Pferd eindecken – ja oder nein?

An dieser Frage scheiden sich die Geister. Es scheint einiges dafür zu sprechen sein Pferd einzudecken – und einiges spricht dagegen. Was also tun?

Zum Glück wurde schon einiges an Forschung zu diesem Thema betrieben, so dass man hier tatsächlich auf wissenschaftliche Fakten zurückgreifen kann.

Zusammenfassung:

  • Pferde aus Boxenhaltung brauchen draußen evtl. eine Pferdedecke bei Minusgraden
  • Eingedeckte Pferde brauchen ihre Decke in dem Jahr den ganzen Winter über
  • Pferde in Offenställen brauchen in der Regel keine Pferdedecken
  • Man muss ein geschorenes Pferd immer eindecken!
  • Ist auch der Hals geschoren, ist eine Pferdedecke mit Halsteil sinnvoll
  • Abschwitzdecken sollten immer solange verwendet werden, wie das Pferd nach dem Reiten schwitzt

 

Wie ermittle ich die richtige Größe einer Pferdedecke?

Um die richtige Größe zu finden, miss dein Pferd mit einem Maßband aus. Lege das Maßband entlang der Rückenlinie vom Widerrist (dort, wo die Pferdedecke sitzen soll) bis zum Schweifansatz. Hier gilt: Rückenlänge gleich Deckengröße. Für kräftige Pferde mit hohem Widerrist kannst du eine Größe größer nehmen. Für schlanke Pferde ohne viel Widerrist ist eine Größe kleiner geeignet.

Achte auch auf einen guten Sitz der Pferdedecke! Die Decke sollte einen geschwungenen Rücken haben und sich an den Pferdekörper anzuschmiegen, um nicht zu rutschen oder zu scheuern. Oft lohnt es sich, gleich etwas mehr auszugeben, als später doppelt zu kaufen.

Größe der Pferdedecke ausmessen
Entlang der Rückenlinie vom Widerrist zum Schweifansatz die Deckengröße ausmessen. ©Pixabay CC0-CreativeCommons

Welche Pferdedecke ist die richtige für mein Pferd?

Pferde, die eine funktionierende Thermoregulation haben (siehe Faktencheck Thermoregulation: Ist Pferde eindecken sinnvoll?), frieren höchstens bei plötzlichem Kälteeinbruch oder kaltem Regen und Wind. Leg dir eine gute Regendecke zu, die nicht gefüttert ist. Diese sollte wirklich wasserdicht und nicht nur wasserabweisend sein – denn eine nasse kalte Pferdedecke auf dem Rücken schadet mehr, als sie hilft. Achte darauf, dass sie atmungsaktiv ist, damit dein Pferd durch das Eindecken nicht schwitzt. Die Reißfestigkeit sollte durch die Webtechnik Ripstop gewährt werden.

Pferde, die eine gestörte Thermoregulation haben, können bei Regen und bei kalten Temperaturen unter 0°C unter Umständen nicht ihre Körpertemperatur halten. Achtung bei höheren Temperaturen: hier kommen eingedeckte, ungeschorene Pferde schnell ins Schwitzen! Solche Pferde frieren dann tatsächlich. Neben einer Regendecke wie oben beschrieben ist hier für die Temperaturen unter 0°C eine Pferdedecke mit 200 – 300 Gramm Füllung das richtige. Ein Halsteil ist nicht nötig.

Geschorene Pferde benötigen immer eine Pferdedecke. Hier solltest du tatsächlich verschiedene Pferdedecken für jede Wetterlage parat haben. Für mildere Tage benötigst du eine gefütterte Regendecke und eine leichte Pferdedecke mit 300 Gramm Füllung für den Temperaturbereich 10°C bis 0°C. Für kältere Temperaturen brauchst du noch mindestens eine warme Pferdedecke mit 400 Gramm Füllung von 0°C bis -10°C.

Pferdedecken waschen

Klar, Pferdedecken müssen auch mal gewaschen werden. Du kannst deine Waschmaschine zu Hause nutzen, um deine Pferdedecken zu waschen. Gerade wasserabweisende Pferdedecken sind danach oft durchlässig für Wasser. Es gibt die Möglichkeit, Pferdedecken durch Imprägniersprays nach der Wäsche zu imprägnieren – was meist nur einen kurzzeitigen Effekt hat. Oder du verwendest Imprägnierwaschmittel, um deine Pferdedecken schon beim Waschen zu pflegen. Dieses wird zur Wäsche mit in die Waschmaschine gegeben. Grundsätzlich ist davon aber eher abzuraten. Die Imprägnierung setzt sich auch ins Innenfutter und verhindert die Feuchtigkeitsaufnahme und die Pferdedecke ist nicht mehr atmungsaktiv.
Wenn du eine Pferdedecke in der Waschmaschine waschen möchtest, die wasserdicht ist, ist die Imprägnierung danach in der Regel nicht notwendig. Es schadet der Pferdedecke sogar, weil es die Poren verstopft und die Decke nicht mehr atmungsaktiv ist.

Faktencheck Thermoregulation: Ist Pferde eindecken sinnvoll?

Fakt ist, dass es hier keine pauschale Antwort geben kann. Viele Faktoren sind bei der Frage, ob das Pferd eingedeckt werden soll, zu berücksichtigen. Ich werde diese Faktoren hier im Einzelnen beleuchten, so dass du bestens gerüstet bist für die Frage: Decke rauf – ja oder nein?
Gesunde, erwachsene Pferde haben eine Körpertemperatur von 38°C. Sie produzieren Wärme über Stoffwechselprozesse aus der Nahrung, die sie aufnehmen. Vor allem das Verdauen der langen Fasern aus dem Heu liefert viel Wärme. Ein Zugang zu 24h Heu ist daher ideal, eine Erhöhung der Heuration im Winter auf jeden Fall nötig.
Um über die kalte Jahreszeit zu kommen und ihre Körperkerntemperatur aufrecht erhalten zu können, bedienen sie sich eines komplexen Mechanismus: der Thermoregulation. Die Thermoregulation des Pferdes wird durch vier Hauptfaktoren gesteuert: Haut, Fell, Arterien und Schweißdrüsen.

Heu frisst Heu, das unterstützt die Thermoregulation
Heu fressen produziert Wärme und unterstützt die Thermoregulation. ©Pixabay CC0-CreativeCommons

Thermoregulations mithilfe der Haut und Fettreserven

Die Haut des Pferdes ist relativ dick und wirkt so isolierend. Unterstützt wird dieser Effekt durch eine Fettschicht, die sich Pferde unter natürlichen Bedingungen im Herbst anfressen. Gewichtszunahmen bis zu 20% sind hier normal und unterstützen den Isolations-Effekt.

  • Do: Sorge dafür, dass dein Pferd im Herbst und durch den Winter eine erhöhte Heuration bekommt (1,5 – 2fach). Am besten ist natürlich der Zugang zu 24h Heu

Thermoregulation mithilfe des Fells

Zweimal jährlich wechseln Pferde das Fell. Der Fellwechsel wird durch die Tageslänge ausgelöst. Werden die Tage kürzer, beginnt das Winterfell zu wachsen. Die Temperatur hat keinen Einfluss auf den Zeitpunkt des Fellwechsels, aber auf die Dichte und Länge des Fells. So wächst in wärmeren Gebieten weniger Winterfell, ebenso bei Pferden in Boxenhaltung und/oder wenn Pferde frühzeitig eingedeckt werden.
Das Pferd kann das Fell aktiv zur Feinjustierung der Thermoregulation nutzen. Durch Aufstellen, Drehen oder Anlegen der Haare werden die isolierenden Eigenschaften des Fells verändert. Diese Bewegung führen die Haarbalgmuskeln aus. Diese Muskeln können ihre Aufgabe nur ausführen, wenn sie trainiert sind – wie andere Muskeln auch. Pferden, die im geschlossenen Stall gehalten werden und/oder eingedeckt werden, fehlt dieses Training und ihre Thermoregulation ist gestört. Sie kommen mit kalten Temperaturen ohne Pferdedecke nicht gut klar. Eingedeckte Pferde müssen daher in diesem Winter eingedeckt bleiben! Du kannst es im nächsten Winter ohne Decke probieren. Es kann allerdings einige Winter dauern, bis dein Pferd sich ganz auf ein Leben ohne Pferdedecke eingestellt hat und ein ordentliches Winterfell bekommt. Dann funktioniert auch die natürliche Thermoregulation wieder.

  • Do: Geschorene Pferde werden ihrer Thermoregulation vollständig beraubt. Sie müssen immer eingedeckt werden. Geschorene Pferde haben mit Pferdedecke aber ein hohes Risiko zu unterkühlen. Da nicht alle geschorenen Körperteile eingedeckt sind, kühlen nicht bedeckte Teile wie Hals und Bauch schnell aus.
  • Don’t: Schere dein Pferd nicht, wenn irgendiwe möglich.
  • Do: Falls du ein geschorenes Pferd hast, besorge eine Pferdedecke mit Halsteil.
    Das Fell bietet zudem Schutz vor Regen: Eine fettige Talgschicht verleiht dem Fell einen wasserabweisenden Effekt. Das Wasser fließt so außen am Fell ab, ohne dass das Unterfell nass wird. Durch intensives Putzen wird diese Talgschicht zerstört.
  • Don’t: Verzichte im Winter auf übermäßiges Putzen, wenn dein Pferd nicht eingedeckt ist.

Thermoregulations mithilfe von Arterien

Pferde können ihre Aterien unter der Hautoberfläche durch Muskeln verengen oder erweitern. Erweiterte Aterien transportieren dabei mehr warmes Blut zur Haut, wo die Wärme abgegeben wird. So kann sich das Pferd abkühlen. Verengte Arterien behalten dagegen die Wärme im Körperinneren und verhindern unnötigen Wärmeverlust. Auch dieser Prozess der Thermoregulation funktioniert nur, wenn er trainiert wird. Pferde in Boxenhaltung und oder Pferde, die eingedeckt werden, können nicht so schnell adaptieren.

Thermoregulations mithilfe von Schweißdrüsen

Wenn Pferden zu heiß wird, fangen sie an zu schwitzen. Der Schweiß verdunstet und kühlt so den Körper. Vom Reiten verschwitzte Pferde mit dichtem Fell laufen in der Kälte schnell Gefahr zu unterkühlen. Die Feuchtigkeit ist direkt auf der Haut und braucht durch das dichte Fell lange, um zu Trocknen.
Pferde in Boxenhaltung sind hier besonders gefährdet. Es fehlt hier Luftbewegung, die das Trocknen unterstützt, und der geschlossene Raum ist schnell mit Feuchtigkeit gesättigt. Das Trocknen dauert daher länger – das Pferd kühlt langsam aus.

  • Do: Reite/führe dein Pferd trocken und verwende eine Abschwitzdecke. Du kannst Stroh darunterlegen, dann kann die Luft besser zirkulieren und das Fell trocknet schneller.

Wusstest du, dass Pferde ihre Aktivität im Winter reduzieren, um Energie zu sparen und nicht zu schwitzen? Es ist daher artgerecht, das Training in der kalten Jahreszeit ruhen zu lassen oder auf ein Minimum zu beschränken. Zwing dein Pferd im Winter nicht zu Höchstleistungen!

  • Do: Beschränke das Training im Winter auf ein Minimum und lass dein Pferd zu sehr schwitzen.
Island Ponys ohne Pferdedecke
Ponys brauchen in der Regel keine Pferdedecke. ©Pixabay CC0-CreativeCommons

Ponys eindecken – ist das sinnvoll?

Wer in Mathe aufgepasst hat, der weiß, dass eine Kugel von allen Formen die kleinste Oberfläche im Vergleich zum Volumen hat. Und ebenso, dass bei größerem Volumen die Oberfläche nicht proportional mitwächst, sondern im Verhältnis zum Volumen kleiner wird. Was das mit deinem Pferd zu tun hat? Hast du dich schon mal gefragt, warum kleine Ponys oft kugelrund sind und im Winter viel mehr Fell kriegen als große Pferde? Reine Mathematik. Je kleiner das Pferd, desto größer im Verhältnis zum Körpervolumen ist die Oberfläche. Und über die Oberfläche verliert das Pferd Wärme. Kleine Ponys haben im Winter also theoretisch viel größere Probleme, ihre Körpertemperatur zu halten. Daher sind sie meist kleine Kugeln: so haben sie weniger Oberfläche, als wenn sie langgestreckt wie ein Pferd wären. Und dickeres Fell natürlich.
Ponys werden meist robust gehalten – und sind so bestens für die kalte Jahreszeit gerüstet! Das Eindecken ist hier nicht nur überflüssig, sondern eher schädlich! Aufgrund ihrer Statur haben Ponys viel mehr als Großpferde mit einem Eingriff in Ihren Thermoregulationsprozess zu kämpfen – einfach, weil sie schneller auskühlen. Ponys sollten daher auch auf keinen Fall geschoren werden.

Soll man Pferde in Offenstallhaltung eindecken?

Bei der Frage, ob du dein Pferd eindecken solltest oder nicht, spielt natürlich die Haltungsform eine Rolle. Ist dein Pferd in Offenstallhaltung oder in einem eher offenen Stall mit viel Auslauf ständig der Außentemperatur ausgesetzt? Dann ist eine Pferdedecke wahrscheinlich nicht nötig. Beachte einfach die oben aufgeführten Dos und Dont’s. Die beste Regendecke weicht irgendwann durch – und eine nasse, kalte, schwere Pferdedecke auf dem Rücken tut deinem Pferd keinen Gefallen. Hingegen kommt es viel zu oft vor, das Pferde unter ihren Decken schwitzen. Diese Nässe von Innen ist weitaus gefährlicher und unangenehmer für die Pferde als Kälte oder Regen!

Pferde ohne Pferdedecke im Offenstall
Im Offenstall am Besten ohne Pferdedecke. ©Pixabay CC0-CreativeCommons

Friert mein Pferd?

Wann und ob Pferde frieren, hängt von vielen Faktoren ab. Pferde, deren Thermoregulation durch Boxenhaltung untrainiert ist, brauchen draußen evtl. eine Pferdedecke, wenn die Temperaturen in den Minusbereich fallen. Auch alte Pferde brauchen mitunter eine Decke. Mache die Entscheidung aber nicht an deinem eigenen Kälteempfinden fest. Deine Komforttemperatur liegt zwischen 20 und 25°C. Für das Pferd ist es 5 – 15°C. In diesem Bereich braucht kein (ungeschorenes) Pferd eine Decke!

Allerdings – wer kann schon darüber befinden, ob ein anderer friert oder nicht? Für mich ist daher die Studie von M. Mejdell et al. (2016) so spannend: Hier hat ein cleveres Forscherteam die Pferde einfach selbst gefragt, was sie möchten! Mithilfe von einfachen Symboltafeln wurde den Pferden beigebracht, anzuzeigen, ob sie eine Pferdedecke tragen wollten oder nicht. Es stellte sich heraus, dass die Pferde bei sehr kalten Temperaturen, gepaart mit Wind und Regen, eine Pferdedecke sehr zu schätzen wussten! Bei kühlen Temperaturen ohne Regen wollten die meisten Pferde ihre Pferdedecke dagegen gerne loswerden. Die Pferde nutzten das Kommunikationssystem selbstständig und mit Begeisterung, um über ihren Thermostatus zu berichten.
Es dauerte nur 14 Tage, den Pferden die Bedeutung der Tafeln mithilfe des Klickertrainings beizubringen. Wenn du also ganz genau wissen willst, ob du dein Pferd eindecken sollst oder nicht – frag doch einfach dein Pferd!

Pferde im Schnee frieren nicht
Pferde können lernen selbst anzuzeigen, ob sie frieren. ©Pixabay CC0-CreativeCommons

 


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