Wie kleine Alltagsgesten dein Pferd zum Chef machen

Pferd putzen
Kommunikation fängt schon beim Putzen des Pferdes an. ©Pixabay CC0-CreativeCommons

Wir Pferde spielen gerne. Besonders die Jungs, das sind halt große Kinder. Die können das stundenlang. Meistens geht es darum, sich gegenseitig in die Karpalgelenke der Vorderbeine zu beißen, um dann die Nasen wieder hochzureißen, sich ein bisschen hier und dort zu zwicken und – ganz gewitzt – mit den Zähnen am Halfter festzuhalten. Dann den Kopf über den des anderen heben. Und wieder in die Beine beißen. Großartig. Vieles was wir tun, tun wir, um unseren Rang gegenüber einem Artgenossen zu behaupten. Deshalb werden auch beim Spielen Punkte gezählt. Pro Biss ins Karpalgelenk gibt es einen Punkt, Halfter-festhalten gibt zwei, Kopf über den des anderen heben auch 2, jedes Zwicken in den Kopfbereich gibt einen halben. Meist geht es unentschieden aus. Vor allem, weil die meisten Pferde nur bis zwei zählen können. Aber Hauptsache es macht Spaß! Meistens bekommt man dabei aber so ein Gefühl, wer besser ist im Zwicken. Wer cooler und wagemutiger ist. Wer mehr Swag hat und so.

Mit Menschen kann man sowas natürlich nicht spielen. Menschen mögen es nicht, gezwickt zu werden. Ich hab’s versucht. Als kleines Fohlen habe ich meinen Menschen ganz liebevoll-verspielt in die Kniekehle gebissen. Kam gar nicht gut an. Ich habe sofort einen Klaps auf die Nase bekommen. Du und die anderen Menschen, ihr mögt am liebsten arbeiten. Mit Spielen habt ihr’s anscheinend nicht so. Zum Glück gehörst du zu den Menschen, die wenigstens gern kuscheln. Kuscheln ist fast so gut wie Spielen. Vor allem das Kraulen kannst du gut. Wenn du mit beiden Händen meinen Mähnenkamm kratzt, das ist wirklich prima. Oder die Stelle am Bug, wo ich so schlecht hinkomme. Oder unter dem Bauch an der Sattellage. Hach… dann liebe ich dich wirklich und setze mein Genussgesicht mit langgestreckter Oberlippe auf. In diesen Momenten sind wir uns wirklich einig.

Und wenn du fertig bist, noch kurz eine Aussage zum Rang gemacht, schon kann ich zufrieden auf den Paddock zurück. Wenn du so dicht neben mir stehst, geht’s ja auch einfach: Zack, schnell den Kopf einmal über deinen gehoben. Das hast du bei mir beim Spielen mit den anderen Pferden bestimmt auch schon gesehen. Zwicken darf ich dich nicht, das weiß ich ja, aber Kopf rüber heben ist erlaubt. Du hast noch nie widersprochen, also habe ich den höheren Rang. Das weiß ich zwar schon, aber hier und da vergewissere ich mich gern nochmal. Außerdem sagst du es ja selbst. Das ist manchmal echt erstaunlich, wie wenig dir am höheren Rang liegt. Aber beim Putzen bist du schon ganz oft unter meinem Kopf durchgetaucht. Freiwillig! Ich musste gar nichts machen, du hast quasi meinen Kopf über deinen gehoben, indem du drunter durch gekrabbelt bist. Verrückt! Da ist es nur verständlich, dass ich auch von mir aus meinen Kopf über deinen heben darf.

Was, das wusstest du nicht? Wirklich? Und wenn ich dich beim Putzen ein klein wenig schiebe, so, dass du einen Schritt rückwärts gehen musst… es ist dir doch klar, was das bedeutet, oder? Schließlich lässt du mich auch manchmal rückwärts gehen, wenn ich dich beim Führen überhole. Was du kannst, kann ich auch. Ich bin schließlich Muttersprachler.

Damit wir uns in Zukunft einig darüber sind, wie wir den höheren Rang feststellen wollen, werde ich es hier einmal schriftlich festhalten. Sonst ist es ja unfair, wenn einer die Regeln gar nicht kennt. Hier sind die Regeln für den Putzplatz:

  • Wer den anderen zur Seite schieben oder Rückwärts treten lassen kann, hat den höheren Rang. Wer freiwillig rückwärts tritt, ist selber schuld.
  • Wer den Kopf über den des anderen heben kann, hat den höheren Rang. Wer freiwillig unter dem Kopf des anderen durchtaucht… ich rede lieber gar nicht weiter.
  • Wer sich beknabbern lässt und jemand anderem als Kratzbaum dient, disqualifiziert sich als Führungspersönlichkeit

Nicht mehr unter meinem Kopf durchzutauchen ist ein guter erster Schritt. Dass ich meinen Kopf über deinen hebe, kannst du verhindern, indem du deinen Arm auf der Seite nach oben streckst. Und zwar in dem Moment, in dem ich dazu ansetze, meinen Kopf über deinen zu heben, und mich so abblockst. Du musst dafür aber stets aufmerksam und auch schnell sein, denn wenn du es einmal verhindern konntest, werde ich es danach gleich noch ein paarmal probieren. Wenn ich dann ärgerlich mit dem Schweif schlage, weißt du, dass du einen Punkt erzielen konntest. Und lass dich nicht von mir zum rückwärts treten bringen, der kleinste halbe Schritt ist ein Punkt für mich! Aber ich plappere schon wieder zu viel aus dem Nähkästchen. Viel Spaß beim Putzen, und vergiss nicht, mich ordentlich durchzukraulen!

Deine Doralie