Hi, ich bin Doralie!

Mädchen kommuniziert mit ihrem Pferd
Können Menschen mit Pferden sprechen? ©Pixabay CC0-CreativeCommons

Hi, ich bin Doralie. Ich bin ein Pferd. Es ist lustig, dass ich das überhaupt erwähnen muss, denn ihr Menschen stellt euch ja auch nicht vor mit den Worten: “Hi, ich bin Paul. Ich bin ein Mensch.“ Zu eurer Verteidigung könnte man jetzt anführen, dass die meisten Pferde nicht schreiben können. Das stimmt. Aber sprechen können wir alle, und wer sich die Zeit nimmt, einmal zuzuhören, der wird das bestätigen.

Wir sind nicht so laut wie ihr, deshalb hört ihr uns vielleicht so oft nicht zu. Wir sprechen hauptsächlich mit unserem Körper. Das macht meist gar keine Geräusche. Klar, wir können auch wiehern, schnauben, prusten, wild mit den Hufen stampfen und pupsen. Die ganz großen Emotionen kriegt sogar ihr mit. Pupsen zählt übrigens nicht in diese Kategorie. Nur nebenbei erwähnt. Aber das ist, wie man so schön sagt, nur die Spitze des Misthaufens. Den größten Teil unserer Kommunikation erledigen wir sehr viel subtiler. Ein Nicken mit dem Kopf, ein leises Bewegen des Schweifs, eine bewusste Positionierung zu einem Artgenossen, und das Wichtigste ist gesagt.

Körpersprache hat Vor- und Nachteile. Die Vorteile liegen meiner Meinung nach klar auf der Hand. Wenn man ausschließlich über Körpersprache kommuniziert, wird Tun und Sagen eins. Wir Pferde können eine Aussage mit einer Körperhaltung, einer Geste oder der Position zueinander treffen. Wir müssen es nicht ständig wiederholen. Wir bleiben einfach in einer Position, und die Aussage steht. Wir können auch mehrere Sachen gleichzeitig sagen. Zu verschiedenen Herdenmitgliedern. Easy. Versucht ihr das mal. Wenn eure Gesprächspartner dann auch noch alle gleichzeitig reden, wird keiner mehr daraus schlau. Bei uns Pferden: kein Problem. Da hilft es übrigens, einen 360°-Blick zu haben. So kann ich sehen, ob mir Betty wieder frech von hinten kommt, während ich Joker in seine Schranken weise.

Körpersprache ist außerdem universal verständlich. Nicht nur unter uns Pferden, auch der deppigste Mensch versteht angelegte Ohren und gebleckte Zähne. Sogar die dummen Hunde verstehen das. Es ist wirklich keine Genieleistung. Während euer Menschen-Kauderwelsch, das den ganzen Tag aus eurem Mund sprudelt, kaum zu verstehen ist, versteht Körpersprache eigentlich jeder, denn jeder wendet sie auch selbst an. Selbst ihr Menschen. Ich verstehe nicht, warum ihr euch nicht drauf beschränkt. Ihr könnt es doch. Theoretisch, zumindest. Aber durch das ganze Gebrabbel, dass ihr von euch gebt, seid ihr oft achtlos mit eurer Körpersprache. Ihr achtet weder auf eure eigenen Aussagen, noch auf unsere. Das ist schade, denn es ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen Verständigung zwischen uns. Durch eure Körpersprache können wir Pferde in euch lesen wie in einem offenen Buch. Wir haben sozusagen den Röntgenblick in eure Seele. Und da ihr nicht sehr geübt darin seid, eure Gefühle vor uns zu verstecken, sehen wir direkt vorbei an der wedelnden Gerte, der lauten Stimme, dem aggressiven Auftreten hinein in die Unsicherheit in eurem Herzen. Und wundern uns. Ihr wollt den höheren Rang bekleiden? Trotz dieser Unsicherheit? Warum? Wenn ihr schon Angst vor meinen Hufen habt, wie wollt ihr mich dann vorm Puma beschützen? (Falls mal einer kommt. Kann ja sein.) Wer den höheren Rang hat, hat die Verantwortung für das Leben des anderen, denn er leitet dessen Handlungen. Also übernehme ich das lieber. Lass mich mal machen, ich pass auf uns auf.

Einen Nachteil hat die Sache mit der Körpersprache allerdings. Wie anfangs schon gesagt: Sie ist lautlos. Uns so hört ihr sehr oft nicht hin. Und ihr beherrscht sie nicht sehr gut. Also sagt ihr ständig Dinge, die sich komplett widersprechen. Was aber noch viel dramatischer für unsere zarte Pferdeseele ist: ihr versteht einfach nicht, dass wir nichts TUN können, ohne etwas damit zu SAGEN, da wir mit unserem Körper sprechen. So werden klare Aussagen unsererseits von euch als Bockigkeit interpretiert und abgestraft. Oder ihr lasst uns Dinge tun, die für uns eine Aussage darstellen, die wir nicht treffen wollen oder können. Schwierig, ich weiß. Wäre es einfach, wäre unser Beziehungsstatus nicht dauerhaft bei „es ist kompliziert“. So wird das nichts mit der Harmonie. Aber ich wäre nicht Doralie, wenn ich dir das mit der Körpersprache nicht verklickern könnte. Pass mal auf, wir werden noch dicke Freunde!

Deine Doralie