Die Sache mit dem Rang

Pferd zeigt Unwillen an der Longe
Für eine gute Zusammenarbeit muss die Rangordnung geklärt sein. ©Pixabay CC0-CreativeCommons

Wir Pferde wissen immer gerne Bescheid. Habt ihr mal Desperate Housewives geguckt? Ehrlich gesagt, ich nicht. Aber so stelle ich mir das vor: Die unterbeschäftigten Weiber haben so wenig zu tun im Leben, dass sie sich vorrangig und fast ausschließlich mit sich selbst beschäftigen.

Wer ist die Abgebrühteste?

Wer die Coolste?

Die Attraktivste?

Ich will mich da jetzt nicht vergleichen, aber, naja, so richtig viel zu tun hat man nicht als domestiziertes Freizeitpferd.

Bisschen den Reiter rumtragen. Und fressen. Fressen ist wichtig. Wenn nicht das Wichtigste überhaupt. Daher ist es enorm wichtig zu wissen, wer da als erstes am frischen Heu knabbern darf, und wer sich mal ganz hintenanstellen kann. Wer wen vom Futter verscheuchen darf. Außerdem ist es gut zu wissen, wer bei Regen ein trockenes Dach über dem Kopf haben darf, und wer leider draußen bleiben muss. Ist halt nicht Platz für alle im Unterstand.

Naja, und dann ist da noch die Sache mit dem Puma. Wer sagt, ob das jetzt ein echter Puma ist oder wieder nur Nachbars fette Katze? Muss man fliehen, kämpfen oder weiterfressen? Das würden wir schon gerne wissen. Einer muss das bestimmen, und der sollte besser das Vertrauen der anderen genießen, sonst gibt’s nur Ärger.

So eine Rangordnung erleichtert das Zusammenleben ungemein. Vor allem, wenn man eben viel Zeit zusammen verbringt. Und da kommst du ins Spiel. Du bist ja auch gelegentlich im Stall. Der Knackepunkt ist aber, dass du, wenn du mal da bist, ständig irgendwas von mir willst. Ich soll still stehen beim Putzen. Dir die Hufe geben. Obwohl ich dann im Zweifel nicht mehr fliehen kann, ziemlich heikle Geschichte also.

Dann soll ich hier lang und da lang laufen, aber bitte nicht das Tempo selber bestimmen. Immer ist irgendwas.

Du tust so, als hättest du das Recht des Ranghöheren, mich zu bewegen. Der Ranghöhere bist du aber nicht, denn du tust ständig Sachen, die ein Ranghöherer niemals tun würde. Und bist du vielleicht der Coolere von uns? Der Schönere? Der Aufmerksamere? Beanspruchst du mehr Territorium? Kannst du uns besser vor Gefahr beschützen? Sicher nicht.

Zumindest glaube ich das nicht. Also zeige ich dir immer mal wieder, wer hier wen beim Putzen rumschubst, wer beim Reiten das Tempo bestimmen darf und wer besser entscheiden kann, ob das Rascheln im Gebüsch bei unserem Ausritt von einem Puma kommt oder nicht. Damit du nicht auf die Idee kommst, ich wäre einverstanden mit deinem Ranganspruch.

Ich habe dich schon argumentieren hören, dass es zwischen Menschen und Pferden keine Rangordnung gibt, weil wir verschiedenen Arten angehören. Gut beobachtet. Pferde haben zum Beispiel kein Bedürfnis, irgendeinen Rang mit irgendeinem Raubtier zu klären. Da haut man ab, denn das frisst einen sonst.

So ein Mensch namens Monty Roberts hatte mal gedacht, das Pferde denken könnten, Menschen seien Raubtiere. Nachdem ihnen ihr friedliche Pony also treudoof zum Roundpen gefolgt ist, meinte er, es sei eine supergute Idee, sich dem vertrauensseeligem Tier dort als Raubtier zu präsentieren. Warum das Pony das nach dem vorherigen Putzen, Kraulen und Führen denken sollte, bleibt schleierhaft. Aber Aggression versteht jedes Pferd und flüchtet also. Aggression bedeutet Gefahr. Und mit einem Gefährder kommuniziert man nicht, da haut man besser ab.

So wird das jedenfalls nichts mit der Verständigung zwischen Mensch und Pferd. Verständigung hat ja auch mit Verstehen zu tun.
Warum wir trotzdem über das Thema Rangordnung sprechen sollten? Ihr Menschen seid keine Raubtiere für uns domestizierten Pferde. Ihr gehört irgendwie dazu. Schon bei der Geburt als kleines Fohlen sieht man meist als erstes einen Menschen. Oder zumindest gleich am nächsten Tag. Ihr seid von Anfang an dabei, euer Geruch brennt sich ein in unser kleines Fohlenhirn, eure Anwesenheit prägt uns ein Leben lang. Ihr seid auch ein Teil der Pferdegemeinschaft, auch wenn ihr keine Pferde seid. Und anders als andere Tiere, die auch immer dabei sind, wie Hunde und Katzen, wollt ihr ständig was von uns. Es macht also durchaus Sinn zu erörtern, ob ihr das Recht dazu habt oder nicht.

Wer einen Rang bekleiden will, muss sich als würdig erweisen. Er muss stolz und selbstsicher sein. Er muss empathisch und vertrauenswürdig sein. Er darf nicht auf seinen eigenen Vorteil bedacht sein, sondern muss das Wohl Aller im Blick haben. Denn das macht einen wahren Anführer aus, dem man sich aus Überzeugung und von ganzem Herzen freiwillig anschließt.

Bist du so jemand? Bisher konnte ich nicht viel davon sehen. Am besten erkläre ich dir mal, wie wir Pferde untereinander herausfinden, wer der Anführer sein sollte. Wobei jedes Pferd da seine Vorlieben hat, dem einen ist die Coolness wichtiger, dem anderen die Empathie, dem nächsten die Attraktivität oder die Cleverness. So ganz einfach sind wir dann doch nicht gestrickt.

Was mir persönlich bei einem Anführer am wichtigsten ist, findest du sicher bald heraus.

Deine Doralie